Die Luft anhalten bis zum Meer
Wednesday, July 25th, 2012. Posted by Marta Bock.
Vor langer Zeit angekündigt und endlich erscheinen ist das Werk „Die Luft anhalten bis zum Meer“ von Sven-André Dreyer. Ein Werk, das es Faust dick hinter seinen 96 Seiten hat – obwohl es doch schnell gelesen ist, bleibt für lange Zeit ein bleibender Nachgeschmack.
Warum man bei knapp 100 Seiten schon von einem Werk sprechen kann? Jede der 9 Kurzgeschichten geht unter die Haut. Mein erster Gedanke, nachdem ich das Buch gelesen hatte war: Lustig: das kann jeder. Doch hier schafft es der Autor, in kurzen knappen und unkomplizierten Sätzen eine melancholische Stimmung zu erzeugen, die wirklich ihresgleichen sucht. Peter Heppner von Wolfsheim hat einmal gesagt: die einfachsten Songs sind die schwersten zum Schreiben. Genau das dachte ich, als ich das schmale Büchlein las. Jede Geschichte erzählt etwas anderes und doch gibt es einen
Rahmen – bei dem es um das Luftanhalten bis zum Meer geht. Ich würde gerne den Lesern jede einzelne Geschichte vorstellen wollen, denn jede ist besonders – allerdings möchte ich keinem das Lesevergnügen nehmen. Dennoch gibt es eine Geschichte, die für mich persönlich ganz besonders ist.
Diese eine Geschichte – und ich schäme mich nicht das zu sagen – hat mich zum Weinen gebracht. Still und leise, aber die Tränchen kullerten schon. “Keine Knöpfe” heisst diese Geschichte, die das Leben eines Menschen von seiner Krebsdiagnose bis zum Tod fast malerisch beschreibt. Sven-André Dreyer benutzt keine Worte wie Tod und
Schmerz, sondern kreiert Metaphern, die den Tod fast freundlich erscheinen lassen, die aber der Leser unmissverständlich verstehen muss. Steuerung C die Diagnose kündigt sich an. Mit der Metapher eines Hemdes mit Knöpfen, eines OP Hemdes mit weniger Knöpfen bis hin zu Steuerung V keinen Knöpfen mehr reisst die schicksalshafte Geschichte den Leser in eine nachdenkliche Atmosphäre, bei der ich mich gefragt habe, was mir mein Leben wert ist.
Philosophisch hinterfragt Sven-André Dreyer menschliche Werte und Reaktion auf die bittere Realität, die uns umgibt. Es gibt Situationen im Leben, über die sich viele nicht trauen zu sprechen – oder die jeder kennt und bei denen man gerne wegschaut. Schliesslich gehen uns solche Dinge nichts an, schliesslich haben sie nichts mit uns zu tun … Zivilcourage ist eines der Themen, die der Autor zum Leitmotiv macht. Mobbing, Suizid, Vergewaltigung und Nazis – der Autor lässt nichts aus. Bewundernswert ist aber hierbei die Art und Weise wie er schreibt. Denn all diese schmutzigen, unangenehmen und bitteren Dinge im Leben werden zu leichten, süßen und luftigen Metaphern, bei denen es weniger schmerzhaft wirkt, wenn man den Leser mit der Nase darauf stößt.
Der Verlag des Autors vergleicht sein Buch mit einem perfekten Pop-Album. Es ist eine literarische Komposition – das uns das kleine Werk bietet – da stimme ich zu. Allerdings finde ich den zuckersüßen Vergleich mit Pop etwas fehl am Platz – denn mit Pop assoziiere ich etwas fröhliches – hier jedoch liegt ein melancholisches Herz voller Emotionen mit kantigen Beilagen auf einem Silbertablett – für mich ist es, um bei der Musik zu bleiben: die melancholischste Single der Welt.
Die Luft anhalten bis zum Meer (AMZN, Affiliate)
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