popkomm, achkomm, unkomm, es geht ein Ruck durch das (Musik)land
Tuesday, June 23rd, 2009
Vor ein paar Tagen wurde die popkomm 2009 vom Verband der Musikindustrie abgesagt, genauer gesagt von Herrn Dieter Gorny, dem Gründer und Vorstandsvorsitzenden des Bundesverbandes der Musikindustrie. Als Grund für die Absage nannte Gorny folgendes: “Die digitale Krise schlägt voll auf die Musikwirtschaft durch. Viele Unternehmen können es sich wegen des Diebstahls im Internet nicht mehr leisten, an der Popkomm teilzunehmen”.
Nicht nur ich halte diese Aussage für daneben, um nicht zu sagen “fern aller Realität”. Wer sich den “Jahreswirtschaftsbericht 2008″ (http://www.musikindustrie.de/uploads/media/5_Musikkopien.pdf) auf musikindustrie.de ansatzweise durchließt, wird schnell feststellen, dass in den letzten fünf Jahren sowohl die Anzahl der illegal heruntergeladenen Titel, als auch die Verkäufe der CD/DVD Rohlinge (die angeblich “alle” für Raubkopien und nicht für die Sicherung von Daten verwendet werden) rückläufig ist. Im Vergleich 2005/2007 ist sogar eine Umkehr beim Musikerwerb zu sehen, 2007 sind fast genauso viele Musiktitel gekauft worden, wie 2005 noch illegal heruntergeladen worden sind.
Weiter wird in dem Bericht über die – seit 2001 – sinkenden Zahlen der Mitarbeiter in der Tonträgerherstellung und im Groß- und Einzelhandel gesprochen. Aber jetzt mal ehrlich, könnte das nicht auch daran liegen, dass mehr und mehr Musik digital verkauft wird und generell z.B. bei Saturn, Mediamarkt und wie sie alle heißen, u.a. aus anderen wirtschaftlichen Gründen und veränderten Kaufgewohnheiten Stellen abgebaut werden? Hätte sich die Musikindustrie schon vor Jahren auf die Hinterbeine gesetzt und innovative Konzepte entwickelt, statt vom hohen Ross und den großen Gewinnen verwöhnt, die “Kinder zu Terroristen” zu machen (siehe auch http://www.zeit.de/online/2009/25/urheberrecht-lessig), bräuchten sie heute nicht über sinkende Umsätze klagen.
Ende der 80er Jahre und in den 90ern wurden die LP/CD-Verkäufe, meines Wissen nach, noch anders gewertet. Das was produziert wurde und in den Läden lag wurde mehr oder weniger als verkauft in der Statistik geführt. Wenn Alben zum Ladenhüter wurden, wurden sie halt ein paar Monate später für 5 D-Mark oder einen Euro ans Volk gebracht. Heutzutage, in den Zeiten des digitalen Musikerwerbs sieht die ganze Geschichte natürlich anders aus, jeder Titel-/Album-Download ist nachvollziehbar, was dazu führt, dass die Verkaufszahlen realistischer werden. Bei iTunes wird zu festen Preisen verkauft und erst durch den Einstieg von Amazon vor ein paar Monaten kommt es wieder zu Abverkäufen von “Onlinespeicherhütern”. Wobei Amazon dort, meiner Meinung nach, eigentlich besser an die Sache heran geht als iTunes. Neue Künstler und Künstler die nicht mehr so bekannt sind werden für 5,99 Euro pro Album angeboten, wodurch die Kauf-Hemmschwelle sinkt und der Umsatz steigt. Und nicht nur Umsatz, je billiger die Songs/Alben dort angeboten werden, desto weniger Titel werden illegal heruntergeladen, denn wer setzt sich bei Preisen von 4,99 oder 5,99 EUR pro Album und 1-2 Euro pro “Maxi-CD” noch stundenlang vor den Rechner und durchforstet irgendwelche Tauschbörsen nach kostenlosen Titeln?
Zum Glück gibt es auch andere Stimmen über die Gründe für den Ausfall der popkomm, bei Welt online ist zu lesen: “Konzertveranstalter Marek Lieberberg sagte, dass das Aus für das bisherige Modell der Musikmesse nurmehr eine Frage der Zeit war. ‘Das Konzept war von vornherein limitiert’, so der Frankfurter Veranstalter gegenüber dem ‘Musikmarkt’. Das Ende sei klar gewesen, unter anderem weil sich die Messe zu stark auf die Tonträgerbranche beschränkt habe, deren Probleme die Talsohle noch nicht erreicht hätten. Nun müsse ein neues Konzept alle Zweige der Musikbranche zusammenbringen – Tonträgerindustrie, Konzertwirtschaft, Radio, TV und Verlage.”
Nachdem ich diesen und noch andere Artikel in den letzten Tagen gelesen hatte und auch darüber getwittert hatte, machte mich Björn Negelmann am Wochenende auf den Blogpost “#unkomm – Strategiepapier für eine bottom-up Musikfachmesse und Festival” von Jana Herwig aufmerksam (s. twitter).
Sie schrieb in ihrem Blogpost unter anderem wie eine bottom-up Musikmesse aussehen könnten, zum einen ging es ihr darum ein solches Event nicht zwingend in Berlin, sondern dezentral zu veranstalten, sprich viele kleine Musikfeste, auf denen “alles erlaubt ist”, wo die Preise moderat sind und die Musik im Vordergrund steht. Das ganze mit minimalem Marketingbudget, ein paar Rahmenbestimmungen (max. Eintrittspreis, etc.) und mehr oder weniger vom Konzept her an die BarCamp-Veranstaltungen angelehnt.
Eigentlich eine tolle Idee, aber ich würde das ganze, wenn man schon ein Mal dabei ist, noch ein bisschen weiterspinnen. Viele kleine Musikfeste gibt es schon, in letzter Zeit u.a. auch durch die sog. twestivals (s. http://twestival.com), auch wenn es bei diesen mehr ums Spenden sammeln für wohltätige Zwecke geht. Doch es gibt noch weitere Musikbranchen-veranstaltungen, nämlich die c/o pop in Köln, die nebenbei erwähnt dieses Jahr trotz der angeblich schlechten Lage, stattfindet. Ebenso gibt es am 04. und 05. Juli 2009 das erste “Future Music (Bar)Camp” in Mannheim, welches in Kooperation mit der Popakademie Baden Württemberg stattfindet und auf dem ich auch sein werde.
Sprich es gibt schon mehr oder weniger viele ähnliche Veranstaltungen und Konzepte. Was es in Deutschland allerdings noch nicht gibt, sind Events wie die South by Southwest (USA, im folgenden SXSW) oder die Offf (Portugal). Veranstaltungen die sich rund um das Thema Musik entwickelt haben und mittlerweile auch Film und Interaktive Bereich bedienen. Die SXSW startete 1987 als reine Musikveranstaltung und ist mittlerweile die Nummer Eins Veranstaltung was Trends in der Web 2.0-Welt (u.a. wurde twitter 2007 dort offiziell vorgestellt) und der Nachwuchs-Filmbranche angeht.
Aus diesem Grund frage ich mich, warum man nicht “einfach” in Deutschland – z.B. in Berlin, denn die Messe und die verschiedenen Venues habe ja jetzt freie Kapazitäten – ein ähnliches Event auf die Beine stellt, nennen wir es die “Northwest by East”. Wieso nicht die Musikbranche, ihre eigentlich, zumindest scheint es oft so, verhassten Kunden/Konsumenten und darunter auch die Kreativen und Gründer der Web 2.0-Szene zusammenbringen und eine “Konferenz” zu veranstalten, die zum einen feste Speaker (z.B. Lawrence Lessig), feste Themen (Creative Commons, Urheberrecht, Mashup-Kunst), aber auch freie vor Ort zu besetzende Session-Slots wie auf einem Barcamp hat. Nach dem Tagesprogramm, auf dem auch dringend einiges mit Vertretern der Musikindustrie (hier denke ich an Herrn Gorny) diskutiert werden sollte, könnte man den Abend mit Konzerten von bekannten Bands/Künstlern und dem Nachwuchs anfangen lassen und dann die Nacht mit Parties auf denen herausragende Künstler (hier denke ich an Girl Talk oder Crookers, ggf. Sven Väth, etc.) ihr Können zeigen, ausklingen lassen, bevor es am nächsten Tag mit Diskussionen und Vorträgen weitergeht.
Wenn wir eine solche “Musikmesse” gemeinsam auf die Beine stellen könnten, würde wirklich ein Ruck durch das (Musik)land gehen.
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Schau auch mal bei den Berliner Kollegen vorbei, die nehmen praktischerweise den Termin der popkomm in Beschlag…
http://berlinmusicblog.de/?p=52
Volle Zustimmung. Eigentlich muss man Herrn Gorny einfach nur dankbar sein, dass er sich so endblödet hat, zu behaupten, die Internetpiraten hätten die popkomm versenkt… damit wird es wenigstens deutlich, wer hier wie denkt.
Sehe ich auch so. Diese Events wären dann auch eine Plattform Künstler auf die Bühne zu bringen, die anecken, provokativ sind und guten Sound machen. Es spricht leider sehr viel dafür, dass die majors einfach den erfolg (?) der achtziger ausgesessen haben und jetzt die Effekte davon tragen. Also nix böses internet, arme, altruistische musikindustrie. Das Musikgeschäft ist sicher nicht fürs schnelle, leichte Geld (zumindest für die Künstler) – wars auch noch nie aber man muss auch mal beachten, dass diejenigen die hier jammern auch meist(?) auf Kosten der kreativität der Künstler massiv Geld gescheffelt haben. Reinhold Heil (Spliff, producer, Filmmusik), der noch richtig die schönen achtziger und das business miterlebt hat meinte einmal sinngemäss, dass er nur darauf wartet, dass das business komplett zusammenbricht, da nur dann was gutes und neues entstehen kann. Drastische Worte… aber ich denke er weiss warum er so etwas sagt.
Wunderbar auf den Punkt gebracht, Nero! Muss ich gleich twittern :)